Andreas Raabe

Diese Herzkampf-Story entstand im Sommer, ich werde ganz wehmütig, wenn ich an die Zeit mit Andreas zurückdenke, wir saßen auf einer Bank in der Südvorstadt, sprachen über Gott und die Welt, über den kreuzer über die jeweilige eigene Entwicklung. Es waren ungezwungene Minuten, die mir ein sehr schlauer Mensch geschenkt hat. Aber lest selbst:

Wo bist du aktiv und wofür engagierst du dich?

Ich bin seit mehr als 20 Jahren Journalist und seit neun Jahren Chefredakteur beim Leipziger Stadtmagazin kreuzer. Ich werde aber bald etwas Neues beginnen. Der kreuzer hat seine Wurzeln in der Oppositionsbewegung von 89 und berichtet seit mehr als 30 Jahren über Kultur, Politik und das Stadtleben in Leipzig. Ich engagiere mich dafür, dass die Leute Bescheid wissen, dass sie gut informiert sind und dass sie sich ein eigenes Urteil bilden können.

Was sind deine Aufgaben?

Beim kreuzer habe ich vor allem darauf geachtet, dass alles stimmt, was wir drucken. Das ist das Wichtigste im Journalismus: Tatsachenaussagen müssen stimmen. Journalistische Recherche ist im Grunde wie Wissenschaft, die Basis von allem sind Methode und Beweis. Daraus entsteht Wissen. Man braucht einen Kodex, um Wahrheit herzustellen, Regeln, an die man sich hält. Nehmen wir die Regeln aus der Wissenschaftstheorie: intersubjektive Überprüfbarkeit, Reproduzierbarkeit, Transparenz, Einfachheit, Falsifizierbarkeit – das alles ist auch im Journalismus wichtig. Es ist ein Beruf, in dem Ethik und Professionalität fundamental sind.

Dazu kommt das Storytelling, das ein ästhetisches Instrument ist und den Sinn hat, Fakten so zu vermitteln, dass man sie gut verstehen kann. Dazu gehört auch immer eine emotionale Ebene. Beides, Storytelling und Recherche, muss funktionieren. Ich habe geschaut, dass der Laden läuft, dass alle motiviert sind und auf professionellem Niveau arbeiten, obwohl es beim kreuzer so gut wie kein Geld zu verdienen gibt. Und natürlich wollten wir im Team Themen setzen, von denen wir denken, dass sie wichtig und interessant sind für die Stadtgesellschaft.

Wofür kämpfst du?

Ich kämpfe für Wahrheit und für Schönheit. Das gehört für mich zusammen. Es ist ganz einfach: Das worüber wir reden, sollte wahr sein – und das, was wir daraus machen sollte schön sein. Die meisten Leute auf der Welt wissen, was schön und was gut ist. Menschen oder Institutionen, die Schlechtes tun, wollen das gern verstecken. Weil sie wissen, dass es nicht schön ist. Und hier kommt die Wahrheit ins Spiel. Diese öffentlich zu machen ist die Aufgabe von Journalisten. So schließt sich der Kreis.

Ich weiß, viele sagen, jeder hat seine eigene Wahrheit, es gibt viele Wahrheiten – aber das stimmt nicht. Meinung, Perspektive, Glaube sind keine Wahrheit. Einige bringen das durcheinander, man muss aber wissen, was was ist. Das heißt nicht, dass Meinung nichts wert ist, im Gegenteil. Das Gute am Journalismus im Gegensatz zur Wissenschaft ist, dass man Meinungen einbringen kann und das, was wir Analyse nennen, also eine Interpretation der Realität. Analyse und Meinung gehören immer dazu und sind sehr wichtig. Hier spielen andere Werte eine Rolle als beim Faktensammeln, hier muss am Ende jeder für sich entscheiden, wo er steht. Ich bin für Liebe, Empathie und Respekt. Warum? Weil ich es schön finde. 

Wann hat dein Kampf begonnen?

1978.

Welches Ereignis hat dich am meisten geprägt?

Ich habe meine Kindheit im Sozialismus verbracht. Solidarität war der zentrale politische Wert, mit dem ich aufgewachsen bin. Dann habe ich miterlebt, wie alles zusammengebrochen ist. Das war auch schön, weil es Freiheit gebracht hat. Aber es gab danach viel Stress, Gewalt, Nazis, Existenzangst der Eltern, Freunde, die abgestürzt sind. Ich komme aus Rostock und kenne Leute, die diese Zeit in den neunziger Jahren nicht überlebt haben. Ich habe gelernt, dass man sich manchmal verteidigen muss und dass es gut ist, autonom zu sein, sich nicht einfach irgendwo dranzuhängen; dass man eigene Entscheidungen treffen und die Dinge auch anders machen kann. 

Was würdest du an der aktuellen Situation ändern wollen?

Ich glaube, es wäre hilfreich, den Menschen den Arbeitsstress zu nehmen. Diese Abhängigkeit von Erwerbsarbeit erzeugt Angst in der Gesellschaft und auch Wut. Das macht so viel kaputt, auch politisch. Ich bin sicher, dass die traditionelle Arbeitswelt ein Hauptquell für die Existenz von Faschismus ist. Wer unterdrückt wird, will irgendwann auch selbst unterdrücken. Irgendwann realisieren die Leute auch, dass sie ihre Lebenszeit, ihre Gesundheit verschwenden und verbittern endgültig. Die Menschen sollten sich lieber um ihre Kinder kümmern und zum Strand fahren, als morgens im Stau stehen zu müssen.

Dabei habe ich aber nichts gegen Anstrengung und Höchstleistung, noch nicht mal etwas gegen Wettbewerb. Ich bin ein großer Fan von Professionalität. Der Weg dahin sollte aber von Lust und Talent geleitet sein, nicht von Angst. Beim Sport und in der Kunst gelingt das manchmal.

Welche Menschen / Einzelpersonen bewunderst du?

Spongebob. Das ist ein stabiler Charakter.

Was ist dein aktuelles Lieblingslied?

„I Wear Your Ring“ von den Cocteau Twins. Mein ewiges Lieblingslied ist aber „Wuthering Heights“ von Kate Bush. Ich habe es lange als Stiltest für neue Bekannte eingesetzt. Lustigerweise habe ich später gelesen, dass „Wuthering Heights“ genau in der Woche, in der ich geboren wurde, auf Platz 1 der UK-Charts sprang, wo es dann vier Wochen lang blieb. Es ist, kann man sagen, der Soundtrack meiner Geburt.

(Diesen Song findet ihr in der „herzkampf“-Playlist bei Spotify)

Wenn ich dir 5000€ schenke und du müsstest das Geld spenden, wohin würdest du es aktuell spenden?

Ich würde es dem Dorf der Jugend in Grimma geben.

Gibt es Links oder Texte wo man sich näher über dich oder deine Institution informieren kann?

Auf kreuzer-leipzig.de natürlich und wenn man mir bei Twitter folgt: @_anra

Ort der Aufnahme: Am Kant-Platz, Leipzig Südvorstadt

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