Tom Günther
Herzkampf-05-Tom-Guenther-Ganzkoerper

Wie wird es sein jemanden für dieses Projekt zu fotografieren, den ich vorher noch nie gesehen habe? Wird man sich verstehen? Ist man sich sympathisch? Diese Momente werde ich bei „herzkampf“ wahrscheinlich noch öfter haben. Gewollt, mich einer Situation ausliefern, in der ich ein Stück weit die Kontrolle abgebe. Einen Menschen zu treffen, der sich für etwas größeres als das eigene Wohl einsetzt, ist meist ein guter Mensch. So weit meine Annahme. Tom, bestätigte das nach ein paar Minuten. Wir kamen sehr locker ins Gespräch und die Fotos, die ich machte, wurden schnell zur Nebensache. 

Mein persönlicher Herzkampf – irgendwie zwischen Wut und Hoffnung

Direkt vorne weg: Ich bin nicht perfekt. Ich mache Fehler. Ich vergreife mich im Ton und bin zumeist sehr unhöflich, wenn es um Ungereimtheiten geht. Über die Jahre hat sich eine Wut angestaut. Eine Wut auf Rassismus, Sexismus, Faschismus. Eine Wut, die hoffentlich irgendwann nicht mehr nötig ist.

Wo bist du aktiv? Für was engagierst du dich?
Meine Wut – die trotz allem stets pazifistisch gelebt wird – spielt sich zu 99% auf Demonstrationen ab. Denn sie sind die demokratischste und flexibelste Waffe unserer Gesellschaft – von der Ausdruckskraft ganz zu schweigen. Zu Zeiten von LEGIDA war es für mich jeden Montag aufs Neue eine Herzensangelegenheit. Denn auf der einen Seite fand das politisch notwendige Stelldichein mit Nazis, Besorgten und Neurechten statt, denen ich das Feld nicht stillschweigend überlassen wollte. Die wollen ‘ne Demo? Können sie haben. Wer die Demokratie missbraucht, bekommt es mit uns zu tun. Uns. Wir. Die auf der anderen Seite. Parteien, die sich klar positionieren; Menschen, die nichts für Hass übrig haben; und die, die einfach nicht in einer Gesellschaft leben wollen, in der Antisemitismus, Islamophobie, Homophobie und etwaige andere geistige Totalausfälle zur akzeptierten Normalität werden.

Wir haben uns, stetig wachsend, zusammengeschlossen und sind als große Familie FÜR etwas auf die Straße gegangen. Das war wundervoll und ist es bis heute. Und davon bin ich ganz stolz ein Teil.

Für was bist du aktiv in Erscheinung getreten?
Das bezieht sich jedoch nicht nur auf Demos. Es bezieht sich auf alles, was ich unternehme. Ich versuche, so gut wie es nur geht, ein Mensch zu sein, der seinen Teil beiträgt. Ich streite notfalls, ich mische mich ein. Denn auch die kleinen Kämpfe sind es, die uns voranbringen. Auch diese kleinen Kämpfe bestreite ich mit erhobenem Kinn.

Als Admin der FB-Gruppe „Free Your Stuff Leipzig“ zB biete ich gemeinsam mit meinen tollen KollegInnen eine Plattform, auf der Leute Waren verschenken und kostenlos beziehen können. Wir sorgen dafür, dass sich alle an ein Mindestmaß bezüglich des Umgangs halten. Steuern hier und da nach. Sorgen dafür, dass auch die letzte Person mitbekommt, dass es um mehr als nur Schenken geht.

Auch hier wird ein Miteinander gelebt. Auch das ist ein Kampf. Gegen Konsumwahn. Für mehr „Wir“. Auch wenn es nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. Es ist ein Schritt nach vorn. Ein Schritt Richtung „Ich habe etwas, wovon ich zu viel habe. Nimm es!“ – das ist eine Sache, die bei vielen AfD-Wählern auf der Strecke geblieben ist. Aber das lässt sich ändern. Denn ich kämpfe. Nicht allein.

Für was kämpfst du?
Für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch so sein kann, wie er/sie/x will.

Für eine Gesellschaft, in der absolute Chancengleichheit besteht.

Für eine Gesellschaft, in der niemand komisch beäugt wird, weil er/sie/x anders ist.

Für eine Gesellschaft, in der mensch nicht mehr an der Religion oder der Herkunft gemessen wird.

Und.

Für eine Gesellschaft, in der mensch Rücksicht nimmt und sich seiner Rolle bewusst ist.

Bestes Beispiel: Ich.

Ich, als weißer, heterosexueller Mitteleuropäer, habe ein Privileg. Ja, wirklich. Darauf bin ich zwar nicht stolz. Es ärgert mich aber auch nicht. Denn ich weiß, welche Macht dahinter steckt. Aber ich muss es auch nutzen, dieses Privileg. Ich muss kämpfen. Und das werde ich. Mit dem Ziel, dass diese eben genannten Eigenschaften irgendwann nicht mehr von Bedeutung sind. Mit meiner Stimme (die wirklich laut ist!) und meinen Taten.

Wann hat dein Kampf begonnen?
Dieser Kampf, von dem ich da rede, ging wohl am 3. Oktober 2005 los – damals war ich 15. Das war meine erste Demo, inklusive erster (und letzter) Festnahme. Damals wollte Christian Worch mit seinen geschichtsrevisionistischen Freunden durch das Leipziger Zentrum stiefeln.

Mein Denken und Handeln war aber wohl schon eher vorbestimmt. Ich komme aus einem Elternhaus, das schon früh prägte und viel Wert auf tendenziell linke Ideologien und Denkweisen legte. Alles in einem gesunden Rahmen mit Platz zur Selbstfindung.

Welches Ereignis hat dich am meisten geprägt?
Besonders einprägsam war  die Geschichte von Hannes C*, ein Schulfreund meiner Mutter. Hannes, der ursprünglich einen indischen Namen trug und diesen jedoch später ablegte, war Deutsch-Inder. Sein Aussehen ist ihm einst zum Verhängnis geworden. Hannes wurde Ende der 80er Jahre in Leipzig auf offener Straße brutal von Nazis zusammengeschlagen und musste danach alles neu erlernen: sprechen, laufen, lachen.

Als kleiner Junge sprach ich einst wenige Worte mit ihm am Telefon, was durch die massiven Schädigungen an seinem Gehirn sehr schwer war. Leider konnte ich ihn nie persönlich kennenlernen. Hannes C. ist an den Spätfolgen dieser feigen rassistische Tat gestorben.

Und das passiert heute immer wieder. Menschen werden aufgrund ihrer Herkunft beleidigt, bedroht, verprügelt und verlacht – wenn sie nicht vorher elendig im Mittelmeer verreckt sind. Da hilft es nur, Menschen aufzuklären, Contra zu bieten und ein bisschen Menschlichkeit zu verbreiten. Und das ist am Ende auch nur wieder ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Selbst wenn wir es schaffen, dass niemand mehr um sein Leben bangen muss, nur weil er/sie/x auf Arabisch betet, oder weil er/sie/x nicht so lebt, wie andere es gern hätten, dann gibt es noch immer Defizite bei der Pflege und der Bildung; den immer wieder aufkommenden Sexismus in allen Lebensbereichen; den Fakt, dass ein nur winziger, elitärer Kreis über den Großteil des weltweiten Vermögens verfügt.

(*Name aus Gründen geändert)

Was würdest du an der aktuellen Situation ändern wollen?
Was ich ändern will? Alles. Ich kann aber leider nicht zaubern. Und manchmal bekomme ich deswegen Wut.

Welche Menschen / Einzelperson bewunderst du?
Dann denke ich an Menschen wie den Kasek. Die Leute der Antifaschistischen Herzigkeit. Leipzig nimmt Platz. Und wie sie alle heißen. Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen. Menschen, die ihre gesamte Energie dafür verwenden, dem Arschlochteil der Gesellschaft grinsend den Stinkefinger zu zeigen und zu singen: „So nicht, Freundchen!“

Was ist derzeit aktuelles Liebglingslied?
Mir vergeht zwischen Hass und Missgunst leider immer öfter der Wunsch zu singen. Aber wenn jemand weiß, wie man das Gute sehen kann, dann ist das Sebastian Hackel („Warum sie lacht.“)  Warum? Weil er sich an den schönen Dingen erfreut. Kein Platz für Hass. Nur Platz für das Schöne. Da ist schlichtweg kein Raum für Böses. Ganz einfach.

Es ist in meinen Augen erstaunlich. Denn – es ist leicht zu hassen, aber umso schwerer ist es manchmal, einen Blick für die schönen Dinge zu erhaschen. Er ist in der Hinsicht ein Vorbild für mich. Und denken wir einmal genau nach. Was bringt uns Hass? Nicht viel. Maximal einen früheren Tod, aufgrund eines erhöhten Stresslevels und dem daraus resultierenden Herzinfarkt.

Liebe ist  krasser. Also, liebt!

(Diesen Song findet ihr in der „herzkampf“-Playlist bei Spotify)

Wenn ich dir 5000€ schenke und du müsstest das Geld spenden, wohin würdest du es aktuell Spenden?
5000 Euro sind viel Geld. Zumindest für mich. Das Kinderhospiz Bärenherz ist wohl eine gute Adresse. Solche Einrichtungen haben einfach kein Geld und sind auf Spenden angewiesen. Ebenso wie viele Heime, Kitas, Schulen.

Es ist zumindest ein Anfang.

Gibt es Links oder Texte wo man sich näher über dich oder deine Institution informieren kann?
Wer noch ein wenig mehr von mir lesen möchte, der darf sich gern die Seite „Gutmenschriften“ bei Facebook und Twitter geben. Ganz, ganz selten wird dort mal was gepostet. Aber immer mal wieder.

Ort: RW-Straße, Leipzig