Robin Rottloff
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Ich wollte unbedingt eine Person von Chemnitz Nazifrei für mein Projekt gewinnen. Die Leute machen nicht erst seit August 2018 sehr gute Arbeit und ich wollte ein wenig hinter die Kulissen blicken. Ich war für einen Fotojob spontan in Chemnitz unterwegs und durch Jürgen kam der Hinweis auf Robin. Robin ist Pressesprecher von Chemnitz Nazifrei. Wie er die Zeit in Chemnitz so erlebt und für was er kämpft, könnt ihr jetzt hier nachlesen: 

Wo bist du aktiv und für was engagierst du dich?
2014 hatten ein paar junge Menschen aus Chemnitz die Idee, eine Art Jugend-Stadtrat, sprich ein Gremium zu bilden, welches parallel zum Stadtrat arbeitet und ausschließlich jugend-relevante Themen bearbeitet. Die  Traumvorstellung war, dem Stadtrat irgendwann mal Empfehlungen zu Abstimmungen in genau den Bereichen geben zu können. Da wir aber überparteilich und attraktiv (d.h. nicht gebunden an eine zum Teil alte und lahme Verwaltung) sein wollten, haben wir das ‚Chemnitzer Jugendforum‘ gegründet. Dort ging es unter Anderem um Nachtbusse, Pfandringe an Mülleimern und Brech-Behältnisse in Bussen. Und wem letzteres vielleicht komisch vorkommt; Ich bin sicher jeder* freut sich, wenn der Betrunkene Kumpel in einen Eimer, statt einem auf die Füße bricht. Und der Feierabend des Busfahrers* wäre auch weniger in Gefahr. Das Chemnitzer Jugendforum gibt es auch jetzt noch und wird sogar mittlerweile mit Bundes- und Stadtmitteln gefördert, sowie von coolen Menschen weiter betrieben, dabei kümmert es sich nicht nur um betrunkene Jugendliche auf ihrer Heimfahrt im öffentlichen Nahverkehr.

Ein wichtiges Anliegen wurde mir dann antirassistische und antifaschistische Arbeit. Es gab einfach viel zu tun und verhältnismäßig wenige, die wirklich dafür brennen. Spannend war für mich also, ob man solche Gremien, wie das Bündnis Chemnitz Nazifrei, nicht irgendwie sinnig mit den eigenen Kompetenzen unterstützen kann. Das tat ich und hatte das Gefühl, es macht Sinn. Für uns war immer das wichtigste Thema der 5. März – der Tag der Bombardierung Chemnitz’ – als die Alliierten 1945 Deutschland vom Faschismus befreiten. Zumindest oberflächlich. Neonazis nahmen diesen Tag immer wieder zum Anlass, geschichtsrevisionistische und falsche Ansichten auf die Straße zu tragen. Nachdem die Aufmärsche der Nationalisten mehrere Jahre hintereinander erfolgreich blockiert wurden, wurde seit 2016 keine rechte Veranstaltung am 5.3. angemeldet – ein Riesen-Erfolg aller antifaschistischen Kräfte der Stadt.

Doch das war nicht das Einzige was uns beschäftigte. Ebenso wichtig war und ist uns der alltägliche Kampf gegen rassistische, neonazistische oder allgemein menschenverachtende Ideologien. Begonnen im Jahr 2014 gab es vermehrt Neo-Nazi-Auftritte und rassistische Kundgebungen in der Nähe von Asylbewerberheimen, nicht nur in Chemnitz. Wir haben uns dem immer wieder aufs Neue in den Weg gestellt und zugleich versucht, politische Bildungsarbeit zu leisten um Vorurteile abzubauen respektive gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Mittlerweile kennt die Stadt Chemnitz wohl fast jeder* europaweit. Wir hätten uns sicher auch gewünscht, dass dies erst der Fall gewesen wäre nachdem wir Europäische Kulturhauptstadt geworden sind, doch die ‚Kultur‘ die hier in Erscheinung tritt ist eher bedrohlich. Dass es Neonazis und rechtsradikale Strukturen in Sachsen gibt, wissen wir nicht erst seit August 2018 sondern schon viel länger. Sie mussten erst solch eine Kraft entwickeln, um politische Entscheidungen von angeblichen Volksparteien zu beeinflussen, Journalismus einzuschränken, eine Staatskrise um einen unfähigen Verfassungsschutz-Präsidenten auszulösen und eine Menge von Menschen zu töten, bevor die „Mitte“ hinsieht.

Die krude Vorstellung des von Biedenkopf-beschworenen Extremismus-freien Sachsen wird wohl nie aus den Köpfen einiger Entscheidungsträger verschwinden.

Was sind deine Aufgaben?
Klare Hierarchien oder Kompetenzaufteilungen gibt es bei uns zum Glück nicht. Das Bündnis Chemnitz Nazifrei besteht aus vielen engagierten Einzelpersonen, VertreterInnen von Gewerkschaften, Vereinen, Parteien und ist somit auch sehr breit aufgestellt. Unsere Aufgaben sind es, Menschen zu vernetzen, gemeinsame Ziele zu erörtern und dann Aktionen, Demonstrationen, Vorträge o.ä. zu organisieren. Wir sehen uns als offenes Bündnis, in dem jede und jeder mitmachen kann und jede Stimme den selben Wert hat. Meine Aufgabe derzeit ist es mit der Presse zu kommunizieren – Das bedeutet, die Meinungen im Bündnis nach außen zu tragen und irgendwie Gesicht dafür zu sein. Das ist zum Einen super interessant, zum Anderen aber auch immer wieder anstrengend, denn man muss Vieles rücksprechen, viel kommunizieren. Das eigentlich zutreffend beschreibende Wort in ‚PresseSPRECHER‘ ist also das Zweite.

 

Für was kämpfst du?

Für was ich wirklich kämpfe, also wie Zukunft in meinen Augen individuell aussehen soll, war mir lange nicht wirklich klar. Klar waren eher von Anfang an die Grundhaltungen – Menschen zu verachten ist immer scheiße. Menschen zu töten auch. Frauen anders als Männer zu behandeln auch und warum schwul sein was Schlimmes oder Komisches sein soll, hab ich sowieso nie verstanden. Man braucht eine Weile in der Zeit der Politisierung, bis man sich zu einzelnen Sachverhalten eine Meinung gebildet hat.

Im Grunde kämpfe ich für eine Welt, in der die Menschen demokratisch, friedlich und gemeinsam, statt gegeneinander arbeiten und sich niemand Sorgen um seine* Existenz machen muss, weil die Gesellschaft für jeden* sorgt. Antikapitalismus bleibt antifaschistisch.

Wann hat dein Kampf begonnen?

Schon immer habe ich versucht mich für meine Interessen und die Rechte anderer (früher vor Allem Freunde) einzusetzen. Ich glaube das war eins der wichtigsten Dinge die mir meine Eltern mitgegeben haben. Das Leben kann schön sein – aber in den seltensten Fällen ist es das freiwillig. Das klingt jetzt sicher abgedroschen, aber manchmal sollte man auch den Blick dahin lenken, wo politisches Engagement wahrscheinlich seinen Ursprung hat – das Elternhaus. Den Startpunkt, an den ich mich noch am ehesten erinnern kann war, als unsere damalige Realschule (Ich war in der 6. Klasse) in ein neues, deutlich weiter entferntes Haus ziehen sollte. Da lernte ich was das Wort ‚Kommune‘ bedeutet und wie engagiert Eltern im Vergleich zu Schülern und Lehrern sein können. Das heißt:  Schon damals ist mir aufgefallen, dass Betroffenengruppen manchmal erst empowered werden müssen, bevor sie selbst gegen die Ungleichbehandlung ihrer selbst vorgehen. Mir ging es ja nicht anders. Wir haben monatelang gekämpft, Briefe geschrieben, viel Unsinniges probiert, aber es war eine bedeutende Erfahrung. Auch wenn wir im Endeffekt doch umziehen mussten und das länger laufen dann doch nicht so schlimm war wie der „6. Klasse – Robin“ das ursprünglich vermutete.

Welches Ereignis hat dich am meisten geprägt?
Ich kann keine Rangliste aufstellen – ob der Straßenterror der Nazis, das Versagen der staatlichen Schutzgewalt oder die Entfremdung und der apathische Egoismus vieler Menschen – wir haben Besseres verdient.

Was würdest du an der aktuellen Situation ändern wollen?

Ich glaube, dass der Faschismus eine immense Bedrohung in unserer Welt darstellt. Gegen ihn muss konsequent vorgegangen werden. Überall, insbesondere in Chemnitz sollten Nazidemonstrationen mit revisionistischen, menschenverachtenden Botschaften, die sich gegen unsere demokratischen Werte richten, verboten werden. Die Staatspolitik sollte sich dahingehend verändern, dass für alle Menschen die gleichen Rechte gelten, egal wo sie sind, egal mit welchem Pass.

Auf der anderen Seite müssen demokratische, freiheitliche Bestrebungen wie das politische Engagement der Bevölkerung mehr Wertschätzung ernten. Soziale Kämpfe wie Antifaschismus, Antikapitalismus und Internationalismus sollten als selbstverständlich wahrgenommen werden.

Welche Menschen / Einzelperson bewunderst du?
Das kann ich so nicht festlegen. Ich beurteile Menschen nach ihren Handlungen und diese Handlungen lässt sie in Gruppen einteilen. Ich bewundere Menschengruppen, die sich entsprechend ihrer Ressourcen für ihre eigenen Rechte und Interessen einsetzen.

Was ist derzeit aktuelles Liebglingslied?
Schwierige Frage. Allgemein tue ich mich mit Lieblings-Irgendwas schwierig. Denn dafür gibt es vor Allem zu viel gute Musik – Ich bin musikalisch verankert im Deutschrap, das wurde irgendwann zu politisch-korrekten-Deutschrap, aber nie weil ich das Gefühl hätte, das jetzt hören zu müssen oder weil ich dachte, politisch inkorrekter Rap darf von Linken nicht gehört werden, sondern weil ich ihn mehr verstanden habe. Rap war immer Identifikation für mich. So auch in der Phase der Politisierung. Nichtsdestotrotz ging es ja um mein Lieblingslied. Das kann derzeit tatsächlich nur eins sein, und es ist dem Klischee entsprechend natürlich auch politisch; Abendland von Yassin. Von Yassin war ich nie wirklich überzeugt, nur 1-2 Lieder fand ich kurze Zeit hörenswert, aber das ist wahrscheinlich das beste Deutschrap Lied 2018. (nach allen Tracks meiner guten Freunde und Büro-Studio-Nachbarn von Übersee-Studios)

(Diesen Song findet ihr in der „herzkampf“-Playlist bei Spotify)

Wenn ich dir 5000€ schenke und du müsstest das Geld spenden, wohin würdest du es aktuell Spenden?

Nun ja, eigentlich bleibt mir ja nichts anderes übrig, als hier das Bündnis Chemnitz Nazifrei zu nennen. Doch dafür wäre die Antwort dann vielleicht doch zu kurz. In Chemnitz gibt es neben uns noch viele weitere Engagierte im Kampf gegen menschenverachtende Ideologien und jede Form von Diskriminierung. Wichtig sind mir dabei Aufstehen gegen Rassismus, der CSD Chemnitz e.V. und Save Me, letzteres ist ein großartiges Projekt, welches Patenschaften für hier ankommende Menschen organisiert. Als konkrete Antwort bleibt mir also nur; Wenn ihr Geld übrig habt spendet es an eine der genannten Organisationen – wenn ihr keins habt, tut ihr sicher jeden Tag genug um den rassistischen und oder unpolitischen Normalzustand zu bekämpfen.

Gibt es Links oder Texte wo man sich näher über dich oder deine Institution informieren kann?

www.chemnitz-nazifrei.de

facebook.com/buendnisfriedentoleranz

twitter.com/chemnitznazifrei_C_Nazifrei

instagram.com/rottzloff

Ort: An der Markthalle, Rothaus, Chemnitz