Paula Charlotte Kittelmann
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Paula hat mir im Interview-Prozess gut den Spiegel vorgehalten. Es ging um ihre Fotos, die ihr hier seht, ich mache immer drei – vier Bilderserien fertig und schicke die dann weiter zur Abstimmung. In meinem Fotografenalltag ist es sehr normal, Augenringe wegzuretuschieren, ich denke nicht mehr, darüber nach ich mach das einfach ungefragt. Paula sprach mich drauf an und sagte mir, dass sie gerne ihre Augenringe behalten würde. Da sieht man, wie eingefahren ich bin und am Ende kommen wir dazu, was Paula eigentlich mit ihrer Serie „pure bodies“ ausdrücken möchte. Hey, akzeptier dich so, wie du bist, du bist schön. Lest das Interview und schaut auf ihren Instagram-Account vorbei. 

Wo bist du aktiv und für was engagierst du dich?
Hauptsächlich bin ich via Instagram aktiv, da ich dort die Fotos meines Projektes hochlade. Dort bespreche ich auch feministische und antirassistische Themen in meinen Stories.  Dafür trete ich also auch ein: intersektionaler Feminismus, Antirassismus, Bodyacceptance / Bodylove (ich verwende den Begriff Bodypositivity* bewusst nicht).

* Body-Positivity ist eine gesellschaftliche Bewegung, die für Akzeptanz und Anerkennung aller Körper und deren Schönheit steht, ungeachtet der Größe/ Form etc. steht. Der Bewegung liegt die Annahme zu Grunde, dass Schönheit von der Gesellschaft konstruiert wird und als dieses Konstrukt nicht die Macht haben sollte, uns in unserer Selbstliebe und Akzeptanz unserer und der Körper anderer einzuschränken. Ursprünglich kommt der Begriff Body Positivity aus der fat acceptance, zum epowerment dicker und fetter (diese Worte verwende ich ohne Wertung als reine Beschreibung) Menschen. Deswegen verwende ich lieber den Begriff Body Acceptance, um inklusiver zu sprechen bzw. weil oft dünne Menschen bei Verwendung des Begriffes Body Positivity wieder einen Raum einnehmen, der eigentlich von und für eine marginalisierte Gruppe gedacht war.

Was sind deine Aufgaben?
So gesehen habe ich ja keine expliziten Aufgaben außer denen, die ich mir selber stelle. Dazu gehört Aufklärung online und offline. Dazu gehört auch, den Mund aufzumachen, wenn jemand sich beispielsweise rassistisch, sexistisch oder ableistisch äußert. Nicht immer sollte man den Anspruch haben, Menschen überzeugen zu wollen, dass ihre Ansicht falsch ist: An einigen Stellen beißt man da leider auf Granit und das kostet viel Kraft. Aber man sollte niemals etwas Diskriminierendes unkommentiert lassen, insofern man die Möglichkeit dazu hat. Die Menschen und alle Mithörenden/-lesenden müssen wenigstens kurz aufgerüttelt werden. Erst so können Denkprozesse angeregt werden.

Explizit im Bezug auf mein Projekt vor allem das Infragestellen und hoffentlich ein Stück weit Demontieren von dem in den Medien propagierten „Schönheitsidealen“ und „Normen“. „pure bodies“ hat das Ziel, Menschen in ihrem puren Sein abzubilden. Dazu gehört der Hintergrundgedanke, dass jeder Körper ein schöner Körper ist. Jeder Körper ist es wert, gesehen und gezeigt zu werden, ebenso jedes einzelne Teil des Körpers. Egal in welcher Form, Größe, Farbe und Struktur. Schaut man sich also die Fotos an, soll kein Raum sein für Diskriminierung oder Abwertung. Es geht darum, genau diesen Körper in diesem Moment auf sich wirken zu lassen und seine individuelle Stärke für sich zu erkennen. Die Nacktheit des menschlichen Körpers ist außerdem nach wie vor oft entweder tabuisiert oder sexualisiert – dem soll das Projekt entgegenwirken. Auch soll es aufzeigen, wie vielfältig Körper sind, und dem retuschierten, perfekten Bild, was Medien oft von Körpern zeichnen, Realität entgegensetzen – ohne dabei zu sagen „trotz Cellulite schön“ bspw. – sondern einfach so schön. Einfach schön, individuell.

Für was kämpfst du?
Im Grunde habe ich darauf ja schon in den vorhergehenden Abschnitten geantwortet.

Wann hat dein Kampf begonnen?
Was „Körper“ angeht wohl schon sehr früh, da ich jahrelang an einer Essstörung litt. Zum Recoveryprozess gehört für mich eben das Thema Body acceptance sehr stark dazu, vorrangig natürlich erstmal auf mich selbst bezogen. Das begann so 2015/2016. Mit dem Fotoprojekt habe im Frühjahr ´18 begonnen. Das Projekt hatte und hat einen sehr großen Einfluss auf den Verlauf meiner Recovery: Je mehr Menschen ich fotografiere, je mehr unterschiedliche Körper ich sehe (mit all den Eigenheiten und der individuellen Schönheit) desto besser verinnerliche ich, dass tatsächlich jeder Körper schön ist. Und das überträgt sich auf mich.

Was den Feminismus angeht so war ich dank meiner alleinerziehenden Mutter schon immer emanzipiert – aber auf keinen Fall aware gegenüber allen und vor allem internalisierten Sexismen, außerdem trotzdem oft sehr hilflos in beispielsweise übergriffigen Situationen. Dann habe ich im Sommer 2017 Magarete Stokowskis „Untenrum frei“ gelesen – das war für mich ein absoluter Weckruf und dann habe ich mich eben mehr und mehr damit beschäftigt.

Welches Ereignis hat dich am meisten geprägt?
Ich denke vor allem die kleinen und großen Verletzungen beziehungsweise Übergriffe. Ein verletzender Kommentar von einem Mann mit dem ich Sex hatte beispielsweise. Außerdem Situationen von nicht einvernehmlichem Sex. Und ansonsten naja, was soll ich sagen. Alles, was die Medien uns tagtäglich als „Schönheit“ und Ideal vorlegen.

Positiv allerdings natürlich auch etwas, wie oben schon gesagt prägt mich jedes einzelne Shooting. Außerdem zwischenmenschliche Beziehungen mit viel Wertschätzung und zu erkennen, was es bedeutet, sich von toxischen Menschen zu lösen: Das kostet viel Kraft aber ist so heilsam. Schon allein Freund*innen, die ständig nur übers Essen oder Nicht-Essen bzw. Aussehen sprechen können sehr toxisch sein. Aber eben auch toxisch im emotionalen Sinne, oder Menschen die sich permanent diskriminierend gegenüber verschiedenen Menschen äußern.

Was würdest du an der aktuellen Situation ändern wollen?
Wo soll ich da anfangen… Viele Menschen sind der Meinung, wir brauchen den Feminismus nicht mehr. Da würde ich ganz gerne Magarete Stokowski zitieren: „ „Ist es nicht einfach gesunder Menschenverstand, zu sagen, Leute sollen halt gleichberechtigt sein, egal welches Geschlecht sie haben?“ – Ich wünschte es wäre so.“

Ich stelle vor allem im Alltag immer wieder fest, auf welch unterschiedlichem Stand so viele Menschen sind was Sensibilität gegenüber Sexismus und Rassismus angeht, auch Menschen die mir nahestehen. Das ist ermüdend und macht mich traurig und ich würde mir wünschen, dass manche Bücher einfach Pflichtlektüre in der Schule werden. (Daher auch an dieser Stelle unbedingte Leseempfehlungen: „We should all be feminists“ und „Dear Ijeawele“ von Chimamanda Ngozi Adichie und „Untenrum frei“ von Stokowski. Außerdem „Deutschland Schwarz Weiß“ von Noah Sow und „Exit Racism“ von Tupoka Ogette. Die wohl wichtigsten Bücher die ich in den letzten 2 Jahren gelesen habe.)

Außerdem würde ich mir wünschen, dass Menschen sensibler werden was ihre Sprache angeht, denn Sprache formt das Denken, Sprache ist Macht – und so lange rassistische und sexistische Begriffe alltäglich im Sprachgebrauch sind, kann sich auch das Denken dahingehend nicht verändern. Auch wie sich das auf Kinder und Jugendliche auswirkt, generell Erziehung, sexistische Rollenstereotype die schon Babys aufgezwungen werden…

Ich würde mir wünschen, dass Menschen sich seltener über das eigene oder das Aussehen anderer austauschen und Gedanken machen sondern anderen Themen mehr Raum schaffen. Nicht nur macht es uns unglücklich, Idealen hinterher zu rennen oder immer nur gut aussehen zu wollen – es raubt auch so unglaublich viel Kraft, die wir für wichtigere Dinge brauchen können.

Welche Menschen / Einzelperson bewunderst du?
Magarete Stokowski (wow das kam unerwartet), weil sie an viele gesellschaftspolitische Themen mit Humor herangeht und dabei den Blick fürs Wesentliche und die Schärfe nicht verliert. Außerdem Chimamanda Ngozi Adichie, die sehr viel wichtige Bildungsarbeit leistet und das auf eine meiner Meinung nach für viele Menschen verständliche Art und Weise.

Auch Frauen wie Frida Kahlo, Paula Modersohn-Becker, Niki de St. Phalle oder Lou Andreas-Salomé – starke Frauen, die sich auf ihre Art und Weise kritisch mit den Ihnen von der Gesellschaft aufgedrückten Rollen und Übergriffigkeiten und/oder Macht von Männern auseinandergesetzt haben.

Außerdem all diejenigen, die sich tagtäglich und unermüdlich mit der ganzen Scheiße auseinandersetzen und aufklären/kämpfen, ob nun online oder offline. Das ist kräftezehrender als vielen Menschen bewusst ist und sollte viel mehr wertgeschätzt werden.

Was ist derzeit aktuelles Liebglingslied?
Das ist gar nicht so leicht, meistens höre ich einen Song eine Woche lang exzessiv und dann hab ich ihn wieder über. Was aber denke ich zur Zeit ganz gut passt ist KidultHood von Chelsea Reject. Einerseits weil ich den Track einfach mag und viel hören, aber auch weil Frauen vor allem im Hip-Hop viel zu unterrepräsentiert sind (oh Wunder) und ich mich immer wieder über Hip-Hop von Frauen bzw. als MCs freue – deswegen habe ich auch eine reine female Hip-Hop Playlist bei Spotify haha.

(Diesen Song findet ihr in der „herzkampf“-Playlist bei Spotify)

Wenn ich dir 5000€ schenke und du müsstest das Geld spenden, wohin würdest du es aktuell Spenden?
Ich finde diese Frage schwierig, denn sie impliziert, dass ich mich entscheiden muss, welche marginalisierte Gruppe (via einer Organisation) ich unterstützen würde – und das finde ich schwierig ehrlich gesagt. Vielleicht würde ich das Geld aufteilen. Aktuell fallen mir vor allem ein: rosalinde e.V. in Leipzig, die Bildungs- und Supportarbeit für LGTBQI-Menschen (v.a. auch Geflüchtete) leisten. Außerdem Reach Out, eine Beratungsstelle für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt.

Gibt es Links oder Texte wo man sich näher über dich oder deine Institution informieren kann?
Auf meinem Blog paulacharlotte.de schreibe ich über dies und das, da gibt es auch einen Menüpunkt zu pure bodies, wo nochmal mehr Infos zu finden sind und auch das Selbstverständnis des Projektes. Außerdem natürlich auf Instagram.

Ort: Plagwitz, Leipzig